Die Bedienung brachte den bestellten Tee.
„Auf der Suche nach dem Prinzen deiner Träume?“, stand auf der Vorderseite des Teebeuteletiketts. Nein, sie war nicht auf der Suche, schließlich wartete sie hier auf Torben-Matthias, mit dem sie seit 5 Jahren, 3 Monaten und 12 Tagen zusammen war. Trotzdem neugierig geworden, drehte sie das Etikett herum. „… Dann trink mich“ stand dort. Nun ja, sie hatte Durst, und schließlich hatte sie den Tee zum Zwecke des Trinkens bestellt. Obwohl vielleicht ein Schnaps besser gewesen wäre, um die zu erwartende Diskussion mit Torben-Matthias über die geplanten Weihnachtsfeiern bei ihrer und seiner Familie besser überstehen zu können. Aber jetzt stand der Tee nun mal da. Angelina trank. Nichts passierte, sie hatte es nicht anders erwartet. Vermutlich war das ohnehin nur ein mäßig lustiger Gag des Teebeuteletikettenherstellers gewesen.
Die Tasse war leer, Torben-Matthias war weder in Person aufgetaucht, noch hatte er auf ihre Nachrichten „Wo bleibst du denn?“ „Ich warte jetzt schon 27 min auf dich“ und „verdammt noch mal, wenigstens kurz Bescheid sagen könntest du doch“ reagiert. Angelina bestellte nach kurzem Zögern – Jetzt einen Schnaps? Oder wenigstens den Likör, den Torben-Matthias so verabscheute? – noch einen Tee. Eigentlich nur, weil sie wissen wollte, ob auf allen Etiketten dasselbe stand.
„Neugierig geworden?“, stand diesmal auf der Vorderseite. „Dann trink schneller“ auf der Rückseite. Angelina trank schneller. Und guckte aufs Handy. Und schmollte. Und bestellte einen dritten Tee.
„Da will es aber jemand wissen“ Irrte sich Angelina oder zitterte die Schrift diesmal ganz leicht, als ob das Etikett kicherte? „Prinzen wollen erobert werden“ stand auf der Rückseite. Sie war jetzt wirklich sauer, und wusste nicht mal mehr, ob auf Torben-Matthias oder die Teebeuteletiketten, die sie anscheinend veräppelten. Oder verteebeutelten. Jetzt bestellte sie doch einen Schnaps. Und einen Likör. Und ging erstmal auf die Toilette. Die drei Tassen Tee zeigten jetzt immerhin doch eine Wirkung, wenn auch nicht die angekündigte.
Sie sah den Maulwurf auf dem Rand des Waschbeckens erst, als sie bereits auf der Schüssel saß.
„Guten Tag“, sagte er freundlich. Angelinas Blase zog sich vor Schreck zusammen und hielt alle Restflüssigkeit zurück. „Entschuldigung, da bin ich wohl versehentlich auf der Damentoilette gelandet“, fügte der Maulwurf hinzu. „Aber meine Augen … Und die Brille hilft auch nur beim Lesen.“
„Ähh …“, sagte Angelina, und blieb sicherheitshalber einfach sitzen, wo sie saß. Bei allen realistischen Fragen, die sie sich stellte: 1. wie war er hier hereingekommen, 2. wie auf den Rand des Waschbeckens und 3. seit wann trugen Maulwürfe Brillen? Und 4.: Wenn sie schon Brillen trugen, warum dann keine Gleitsichtbrille? – tauchte auch von irgendwoher die verrückte Idee in ihr auf: was, wenn das der versprochene Prinz war? Und sie ihn jetzt erobern, küssen oder an die Wand werfen musste – oder was auch immer man heutzutage mit verwunschenen Prinzen machte?
„’Äh‘, höre ich nicht zum ersten Mal, spricht eigentlich heutzutage kein Mensch mehr in ganzen Sätzen?“ Das klang ein klein wenig genervt. Angelina musste jetzt handeln, aber wie machte man das, wenn man mit heruntergelassener Hose auf dem Klo saß?
„Sie können ruhig aufstehen, wenn sie fertig sind, ich sehe ohnehin nur bis zu meiner Nasenspitze scharf, aber ich drehe mich auch gerne um“, sagte der Maulwurf, als ob er ihre Gedanken erraten hatte und drehte sich auch tatsächlich herum, sodass sie nur noch seinen glatten, schwarzen Pelz von hinten sah. Schnell erledigte sie, was zu erledigen war und drückte die Spültaste. Jetzt wäre Händewaschen dran, aber das Waschbecken war ja schon besetzt.
„Wenn Sie mich nicht nassspritzen, dürfen Sie gerne Ihre Hände hier waschen.“ Schon wieder hatte er ihre Gedanken erraten. Torben-Matthias musste sie immer auch die offensichtlichsten Dinge erklären.
„Danke, sehr liebenswürdig“, sagte sie und wusch sich vorsichtig die Hände, während sie den Maulwurf immer mal wieder von der Seite ansah. Die eckige Brille gab ihm ein intellektuelles Aussehen, dahinter blinkten schwarze Äuglein. Der elegante, dunkle Pelz passte sehr gut dazu. Die rosa Nase wippte fröhlich auf und ab, der Mund darunter schien zu lächeln, alles in allem eine nicht unsympathische Erscheinung. Nur die großen Hände mit den langen Krallen störten sie ein wenig, obwohl sie sauber und gepflegt wirkten. Ganz anders als bei Torben-Matthias. Auch er sah sie lange von oben bis unten an, obwohl sie nicht sicher war, was er überhaupt erkennen konnte.
„Möchten Sie, müssen Sie … soll ich Sie vielleicht zum Herrenklo begleiten?“, frage sie schließlich, als die Stille zwischen ihnen ungemütlich zu werden begann.
„Das würden Sie wirklich tun? Das ist aber ganz reizend. Wenn Sie mir ihre Hand hinhalten, könnte ich ihren Arm hinauf auf ihre Schulter … Ich hoffe, ich kratze Sie nicht zu sehr?“ Angelina verneinte, der weiche, warme Pelz kitzelte sie an ihrem Hals, die Krallen in ihrer Schulter wurden dahinter fast unfühlbar. Vorsichtig öffnete sie die Tür und ging die wenigen Schritte bis zum Herrenklo.
„Hier bist du. Ich suche dich schon seit Ewigkeiten.“ Das war Torben-Matthias. Er drückte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange. „Da ist was auf deiner Schulter, warte …“ Ehe sie etwas sagen oder tun konnte, wischte er mit einer Handbewegung darüber. „Hui, das war aber eine große Motte, sei froh, dass es keine Spinne war.“
Angelina wollte sich umdrehen, rufen, den Maulwurf suchen, sich überzeugen, dass ihm nichts passiert war, aber Torben-Matthias zog sie einfach mit hinauf ins Lokal.
„Ich habe dir noch einen Tee bestellt, deine Tasse war leer“. Keine Entschuldigung für sein Zuspätkommen, keine Erklärung, keine Frage, ob sie überhaupt noch einen Tee wollte. Angelina meinte immer noch das weiche Maulwurfsfell an ihrem Hals zu fühlen, allein die Erinnerung daran tröstete sie auf merkwürdige Art und Weise.
Die Tür zur Treppe öffnete sich, und ein dunkelhaariger Mann mit eckiger Brille kam heraus. Er lächelte vage in ihre Richtung und setzte sich an einen Tisch in der hintersten Ecke des Cafés.
Die Kellnerin brachte ihren Tee und für Torben-Matthias einen Espresso.
„Hören Sie auf Ihr Gefühl“ stand auf der Vorderseite des Teebeuteletiketts. Auf der Rückseite war nur ein dunkler Fleck, der mit ganz viel Fantasie die Form eines Herzens – oder eines Maulwurfs haben konnte.