Literarische Kalendertürchen 24/24

Der kleine Bär und die Sterne

 

„Natürlich haben wir den schönsten Christbaumschmuck“, sagte der kleine Bär. „Ich hole uns die glitzernden Sterne vom Himmel.“ Die lange Leiter stand etwas wackelig, aber es schien zu klappen. Schon sieben Sterne hatte der kleine Bär vom Himmel gepflückt. Er griff nach dem Achten.

„Stopp“, rief eine laute Stimme. Der kleine Bär wäre fast von der Leiter gefallen, er konnte sich gerade noch am Orion festhalten.

„Abgabe nur in haushaltsüblichen Mengen, haben Sie das Schild an der Pforte nicht gesehen?“

„Aber …. Ich bin ein Bär! Und ich habe einen großen Haushalt! Und einen großen Christbaum!“, sagte der kleine Bär, konnte aber nicht verhindern, dass seine Stimme dabei ein wenig zitterte.

„Das mag ja sein, aber erstens sind Sie nur ein kleiner Bär und zweitens ist zur Definition des Wortes ‚haushaltsüblich‘ die Größe des Haushalts unerheblich. Was haushaltsüblich ist, bestimmen wir. Fünf Sterne sind das absolute Maximum. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder einfach so viele Sterne mitnehmen würde, wie er will? Ein wenig Ordnung muss schon sein, sogar in diesem Chaos hier.“

Der kleine Bär überlegte, irgendwie sah er das ja ein, wenn das wirklich jeder machen würde, wären bald alle Sterne weg und der Himmel nachts dunkel. Aber andererseits … „Ich will sie mir ja nur leihen, nicht behalten, in zwei Wochen bringe ich sie alle zurück, ganz bestimmt, unversehrt und frisch geputzt.“

„Sieht das hier etwa aus wie ein Sternenverleih?“ Die Stimme klang jetzt ganz schön böse. „Zum Leihen müssen Sie in eine Bibliothek gehen, oder zu einem Fahrradverleih. Ich bezweifle allerdings, dass Sie da Sterne ausleihen können.“

Der kleine Bär nickte, das konnte er sich auch nur schwer vorstellen, davon hätte er sonst bestimmt schon mal in den Nachrichten gehört oder bei Instagram gelesen.

„Aber … ich habe jetzt schon die sieben gepflückt, die darf ich doch mitnehmen? Ausnahmsweise?“ Der kleine Bär setzte sein liebreizendstes Teddybärengesicht auf und plinkerte mit den Augen.

„FÜNF“, wiederholte die Stimme in Großbuchstaben. „Schließlich ist fünf eine magische Zahl, es gibt die fünf Sinne, fünf Finger und Zehen an jeder Hand oder an jedem Fuß …“

Der kleine Bär sah an sich herunter und zählte nach. Es stimmte tatsächlich.

„Fünf Elemente in der chinesischen Philosophie, fünf Sterne bei Amazon, fünf Bücher Mose, Fünfuhrtee, die fünf heiligen Könige …“

„Aber das waren doch nur drei“, rief der kleine Bär und hielt sich sofort alle fünf Finger einer Hand vor den Mund, nicht, dass die Stimme sein Sternkontingent jetzt auf drei reduzieren würde.

„Zwei sind im Laufe der Jahrhunderte in den Überlieferungen verloren gegangen, vermutlich, weil es Königinnen waren. Aber es waren definitiv fünf“, sagte die Stimme mit viel Nachdruck und Überzeugung.

„Sieben ist aber auch eine magische Zahl“, versuchte es der kleine Bär noch einmal, und suchte nach Beispielen „sieben Tage hat die Woche, sieben Farben hat der Regenbogen, über sieben Brücken muss man gehen …“

„Sieben Todsünden gibt es – Gier ist übrigens eine davon“, unterbrach ihn die Stimme streng. „Und sieben Jahre Pech hat man, wenn man einen Spiegel zerbricht – oder mit mir zu lange diskutiert.“

Der kleine Bär schluckte. „Also gut, dann fünf. Aber meine Freunde werden bestimmt sehr traurig sein, wenn unser Baum nicht so schön funkelt.“

„Die werden noch viel trauriger sein, wenn Sie ganz ohne Sterne zurückkommen. Zwei bleiben hier – oder alle. Und bitte genau dahin zurückhängen, wo Sie sie heruntergenommen haben, wir haben keine Zeit, auch noch hinter Ihnen herzuräumen. Und schnell, wir schließen gleich.“

Jetzt wurde der kleine Bär hektisch, musste er sich doch entscheiden, welche zwei er hierlassen und welche fünf er mitnehmen wollte. Dieser hier sah besonders schön aus, den wollte er auf jeden Fall – aber dieser oder dieser auch. Der kleine Bär sortierte die Sterne vor sich, aber immer, wenn er dachte, er hätte sich endlich festgelegt, funkelte einer der aussortierten Sterne ganz besonders schön. Er konnte sich einfach nicht entscheiden, es war zu schwierig. Mittlerweile wusste er auch schon gar nicht mehr so genau, welchen Stern er wo gepflückt hatte, das würde sein nächstes Problem werden. Die Stimme schwieg jetzt zwar, aber der kleine Bär spürte die Ungeduld, erwartete jeden Moment eine erneute barsche Ansage, die ihn womöglich sogar ganz ohne Sterne fortschicken würde. Und was würde er dann zu Hause sagen? Ohne, dass er es merkte, tropfte eine Träne nach der anderen aus seinen Augen in sein Fell.

„Also gut, damit das hier heute noch ein Ende findet, auch wir wollen schließlich mal Feierabend machen“, meldete sich jetzt wieder die Stimme, die auf einmal ungewohnt sanft und versöhnlich klang. „Vorschlag zur Güte: Sie nehmen fünf mit, egal welche, und ich packe Ihnen die übrigen beiden in die Cloud. Mit sieben Sternen kämen Sie vermutlich ohnehin nicht wieder heil die Leiter runter, und niemand will einen kleinen Bären mit gebrochenen Beinen – oder sogar noch Schlimmerem.“

„Oh, danke, danke, das ist aber sehr lieb von Ihnen! Das werde ich Ihnen nie vergessen“, rief der kleine Bär und wischte sich die letzte Träne aus dem Augenwinkel. „Aber, wie komme ich von unten an die beiden heran?“

„Ich gebe Ihnen einen QR-Code für die Zugangsdaten mit, nur das Passwort müssen Sie sich merken, es lautet …“

Das Passwort wird hier natürlich nicht verraten, nur so viel: kurz darauf sah man einen überglücklichen kleinen Bären, mit fünf Sternen und einem QR-Code in den Händen, die Leiter wieder hinunterklettern. Ob er der Stimme diese Großzügigkeit wirklich nie vergessen hat, oder ob er womöglich sogar schon das Passwort vergessen hatte, bis er wieder unten ankam, ist nicht bekannt. Aber der Christbaum war wirklich sehr schön in diesem Jahr, das fanden alle.

Literarische Kalendertürchen 23/24

Geheimnisvolle Busfahrt

Es ist Freitagabend und du fährst mit dem Bus nachhause, und zwar wie immer bis zur Endstation. Und wie immer steigen dort alle aus und du willst es auch schon tun, als du bemerkst, dass der Mann mit der Melone ganz vorne und die zwei älteren Damen im hinteren Teil des Busses keine Anstalten machen, aufzustehen. Du beschließt ebenfalls sitzen zu bleiben und abzuwarten, was als Nächstes geschieht

 

Doris wurde ganz aufgeregt, hatte es jetzt endlich geklappt? Im Internet hatte sie vor einiger Zeit einen langen Beitrag von jemandem gelesen, der spätabends in einen Bus gestiegen war, der sich als Zeitreisebus entpuppt hatte. Im 18. Jahrhundert war dieser Mensch ausgestiegen und hatte dort einige Zeit gelebt. Er musste anscheinend irgendwann zurückgekehrt sein, sonst hätte er wohl nicht darüber berichten können, und Doris hatte sich flüchtig gefragt, ob man sich im 18. Jahrhundert nicht über einen Bus aus der Zukunft gewundert hatte, und wie er genau zurückgekommen war, und was passierte mit einem Bus im 18. Jahrhundert, wenn dort das Benzin alle war? Auch der Rest der Geschichte hatte nicht sehr logisch geklungen, aber was war schon immer logisch, und wenn, dann war es meist sterbenslangweilig.

Doris jedenfalls war dem Phänomen Zeitreisen im Allgemeinen und per Bus im Besonderen nachgegangen und hatte viele Beispiele und Berichte im Internet gefunden. Es schien so zu sein, dass man diese Reisen weder buchen noch planen konnte, sie passierten einfach. Bei den meisten hatte sich die Luft im Moment des Zeitsprungs verändert, von kalt nach warm oder umgekehrt. Oder es gab plötzlich Nebel. Vermutlich mussten die genauen Zeitübergangsstellen geheim gehalten werden, denn man stelle sich vor, jeder würde auf einmal Zeitreisen machen wollen und können. Statt „Malle ist nur einmal im Jahr“ würde es dann Lieder geben wie „Französische Revolution ist nur einmal im Jahr“ oder man würde Tickets zur Hinrichtung von Maria Stuart kaufen können.

Auch das Jahr oder den Ort schien man sich nicht aussuchen zu können, aber wenn der Mann mit der Melone ein Zeichen in Form eines Zeitreisenden aus der Vergangenheit auf dem Weg nach Hause war, dann könnte sie Glück haben und in London landen, wo sie schon immer mal hin gewollt hatte, egal zu welcher Zeit.

Der Fahrer sah in den Rückspiegel, ihre Augen trafen sich. War das womöglich so etwas wie eine Kontrolle, ob sie zeitreiseberechtigt war?

Doris setzte sich aufrechter hin und knibbelte vor Spannung an ihren Fingern. Sie nahm sich fest vor, ganz genau aufzupassen und allen Ungereimtheiten nachzugehen, die ihr bei den Geschichten aus dem Internet aufgefallen waren. Fühlte sich die Luft nicht schon etwas anders an als eben? Ja, das tat sie wirklich, denn der Fahrer hatte alle Türen weit geöffnet, drehte sich um und rief laut: „Wenn die Herrschaften dann jetzt geruhen würden auszusteigen, weiter geht es heute nicht mehr.“ Die beiden älteren Damen waren so in ihr Gespräch vertieft gewesen, dass sie die Ankunft an der Endhaltestelle gar nicht mitbekommen hatten, und der Mann mit der Melone war eingeschlafen. Jetzt stiegen sie alle zusammen aus, und Doris wollte sich gerade enttäuscht auf den Fußweg zu ihrer Wohnung machen, als der Mann mit der Melone leise zu ihr sagte:

„Hier geht es lang, wenn Sie mir bitte folgen möchten.“

Literarische Kalendertürchen 22/??

Zaubersprüche

„Zaubern für Anfänger.“ Das war endlich einmal ein Kurs nach meinem Geschmack. Ich suchte ja schon lange nach Möglichkeiten, meine Verwandtschaft wenigstens einmal zu beeindrucken. Mangels Haus, Pferd, tollem Auto oder Boot sah es damit bislang nicht so gut aus, ich vermutete sogar, dass ich insgeheim als das schwarze Schaf der Familie galt, das oft nur aus Mitleid oder Höflichkeit eingeladen wurde.

Der Kursleiter stellte sich als echter Zauberer im Ruhestand heraus, nicht nur so ein Aushilfsmagier für Kindergeburtstage, wie ich insgeheim befürchtet hatte, und wir TeilnehmerInnen lernten fleißig und eifrig, was er uns vermittelte.

Bevor ich meine neuen Fähigkeiten auf der Geburtstagsfeier von Tante Hilda präsentieren konnte, wollte ich aber erst mal allein, unauffällig und im Kleinen üben, um mich nicht zu blamieren.

Der Köter von nebenan war ein gutes Übungsobjekt, bzw. die Haufen, die er immer auf dem Gehweg hinterließ, und die sein Herrchen offenbar nicht für entfernenswert hielt. Ich hätte dieses Minifellbündel am liebsten in ein anderes Tier verwandelt, entweder in einen richtigen Hund – auch wenn das vermutlich noch viel größere Hundehaufen zur Folge gehabt hätte – oder noch lieber in eine Katze, aber Verwandlungen von Lebewesen würden erst im Folgekurs behandelt werden, somit fiel das aus. Aber den Hundehaufen könnte ich verwandeln!

„Hokuspokus Witzgebold – dieser Haufen werd‘ zu Gold“

Es klappte tatsächlich. Anstatt des stinkenden Häufchens lag ein winziger Goldring auf dem Bürgersteig. Nun, er war nur goldfarben und eher so ein Ding, das man früher aus einem Kaugummiautomaten gezogen hatte, aber immerhin!

Dann war der Geburtstagsnachmittag da. Natürlich nahm mich keiner ernst, als ich verkündete, der Verwandtschaft jetzt etwas vorzaubern zu wollen. Jetzt schon den Fortsetzungskurs besucht haben und sie alle in Stubenfliegen verwandeln! Aber leider, leider …

„Wenn mir einer ein Schmuckstück gibt, am besten aus echtem Gold, dann vermehre ich es für euch. Kein Trick!“, schlug ich vor. Zweifelndes Gemurmel rund um den Kaffeetisch. Tante Hilda gab mir schließlich ihren Ehering. Der dazugehörige Mann war längst verschieden und hatte eh nichts getaugt, wie sie sagte.

„Hokuspokus Stachelbeeren – dieses Gold wird sich vermehren“

Nichts passierte, das war der falsche Zauberspruch. Ich kramte hektisch in meinem Gedächtnis, die Verwandtschaft kicherte schadenfroh.

„Hokuspokus Feldkarnickel – dieser Ring wächst wie ein Pickel!“

Das war es! Vor aller Augen begann der Ring größer zu werden. Schnell stoppte ich das Wachstum mit einer Handbewegung. Wenn sich verzauberte Goldmoleküle zu sehr ausdehnen, zerfallen sie zu Staub, das wollte ich natürlich vermeiden.

Der vergrößerte Ring wanderte von Hand zu Hand, jetzt waren sie beeindruckt, und jeder kramte an Fingern, Hals, Händen und Ohren, um alle vorhandenen Schmuckstücke auf den Tisch zu legen.

Meine Unsicherheit verschwand im gleichen Maße, wie der Pretiosenhaufen auf dem Tisch wuchs.

Ich holte tief Luft und sprach:

 „Hokuspokus Komasaufen – dieser Schmuck werd‘ zu ’nem Haufen“

Hinterher war ich mir nicht sicher, ob mir mein Gedächtnis einfach einen Streich gespielt hatte, oder ob es womöglich Absicht gewesen war. In jedem Fall sorgte der riesige stinkende Hundehaufen auf dem Tisch und der verschwundene Schmuck dafür, dass ich zukünftig nicht mehr zu Familienfesten eingeladen wurde.

Literarische Kalendertürchen 21/??

Pedro

„Schildkröte oder Frosch?“
Ich blinzele verwirrt in die plötzliche Helle. Eben noch war ich mit meinem SUV – eilig wie immer – durchs Wohngebiet gebraust, das Spielstraßenschild ignorierend. Aber hey, um diese Tages- besser gesagt Abendzeit lässt man seine Kinder nicht mehr auf der Straße spielen. Da lag auf einmal etwas vor mir auf der Straße, und ich riss reflexartig das Steuer herum, sah gerade noch den Baum mit dem „Nehmt Rücksicht“ Schild auf mich zukommen – und jetzt diese Stimme. Meine Augen gewöhnen sich an die Helligkeit und stellen auf die Gestalt vor mir scharf: eine Fee, zweifellos. Die umgedrehte Schultüte auf ihrem Kopf mit dem daran hängenden Schleier und das bonbonrosa Tüllkleid lassen keine andere Möglichkeit zu. Nur das strenge Gesicht mit den mich scharf musternden Augen hinter einer mit glitzernden Einhörnern verzierten Brille und das Klemmbrett, das sie in der Hand hält, passen irgendwie nicht ins Gesamtbild.
„Schildkröte oder Frosch?“, wiederholt die Fee, jetzt ein wenig ungeduldiger.
„Wwwwie bitte, was?“
Sie seufzt.
„Die Summe, besser gesagt der Qualitätsquerschnitt Ihres bisherigen Lebens“, sie blättert durch die Unterlagen an ihrem Klemmbrett und liest vor, „Organisation des Verkaufs minderwertiger Immobilien zu überhöhten Preisen, Verweigerung von Unterhaltszahlungen, vorsätzliche Lügen, Unterschlagungen, Fahren mit überhöhter Geschwindigkeit, etceterapepe… Das alles würde hier wirklich zu weit führen, jedenfalls haben Sie deshalb die Wahl zwischen einem Leben als Schildkröte oder als Frosch. Und seien Sie froh, dass Sie keine männliche Spinne werden, oder eine Drohne, also eine echte, eine Arbeitsbiene, nicht dieser neumodische technische Schnickschnack. Aber bitte, entscheiden Sie sich schnell, in zwei Minuten habe ich bereits den nächsten Fall!“
Ich schlucke. „Schildkröte?“, will eigentlich noch mehr sagen oder fragen, aber sie ist schneller.
„So sei es.“
Aus den Tiefen ihres Feenkleides fördert sie einen großen Stempel zutage, und mit dem Geräusch des auf dem Klemmbrett aufgedrückten Gummisiegels finde ich mich auf Rasen wieder, zwischen riesigen Grashalmen, ach nein, vermutlich bin ich so klein. Vier Füße zähle ich nach einigen Mühen, denn aus meinem weichen und anschmiegsamen Maßanzug ist ein unflexibler Panzer geworden, der jede Bewegung zu einem Abenteuer werden lässt, noch dazu ist mir die Fortbewegung auf vier Füßen mehr als ungewohnt. Kurz beglückwünsche ich mich zu meiner Weitsicht, mich für das Tier entschieden zu haben, das seine Wohnung immer bei sich trägt, auch wenn sie mir auf den ersten Blick ein wenig karg eingerichtet und vor allem eng erscheint. Als Immobilienmakler kenne ich mich damit aus.

Bevor ich aber weiter über meine Lage nachdenken kann, werde ich unsanft hochgehoben, und eine Kinderstimme gellt schrill: „Guck mal, Mami, eine Schildkröte. Darf ich sie behalten? Bitte! Ich hab mir doch so sehr ein neues Tier gewünscht, seit Hasi nicht mehr da ist. Ich werde sie Pedro nennen.“
„Die gehört doch bestimmt jemandem, Schildkröten fallen schließlich nicht vom Himmel“, antwortet eine andere Stimme, vermutlich die Mutter dieses Blags.
„Wenn du wüsstest“, möchte ich sagen, es kommt aber nur ein pfeifendes Geräusch aus meinem Mund.

Sie beschließen, mich vorerst zu behalten. Ich werde in einen Zwergkaninchenkäfig gesperrt und bekomme ein paar Salatblätter vorgeworfen. Während ich angeekelt daran knabbere, denke ich an die leckeren Abendessen zu Hause oder mit den Kollegen. Ob mich schon jemand vermisst? Bin ich also jetzt Pedro, die Schildkröte, wird ja hoffentlich nicht ewig dauern, dieser Spuk.

Das Kind erweist sich als eine echte Plage, er möchte mich dressieren wie den Hund, den die Eltern ihm – vermutlich aus gutem Grund – nicht erlauben. Weil ich weder das Stöckchen bringe, noch Männchen mache, dreht er mich auf den Rücken und lacht mich hämisch aus, wenn ich verzweifelt herumzappele und natürlich nicht mit eigener Kraft wieder auf die Beine komme. Die Mutter rettet mich irgendwann und setzt mich wieder in den Kaninchenkäfig. Was mag wohl mit dem ursprünglichen Bewohner dieses Geheges passiert sein?

Aber ich denke vorerst lieber über wichtigere Dinge nach: Wie komme ich hier wieder raus. Erstmal aus dem Kaninchenkäfig, dann aus meinem Panzer und diesem verwünschten Leben als Schildkröte. Leider erinnere ich mich nicht mehr gut daran, was in Geschichten üblicherweise mit verzauberten Tieren passiert. Doch! Der Froschkönig fällt mir ein, und wieder bin ich froh, mich versehentlich und unfreiwillig für die Schildkröte entschieden zu haben. Welches Geschlecht habe ich überhaupt? Hat die Fee mir wenigstens meine Männlichkeit gelassen? Da ich aber weder weiß, wie man das bei Schildkröten feststellt, noch mich näher in die Körperregionen heran bewegen kann, in denen die Geschlechtsmerkmale sich üblicherweise befinden, stelle ich auch diese Frage erstmal hintenan. Das nervtötende Blag mit seiner schrillen Kreischstimme hat einige Märchenbücher in seinem Zimmer, vielleicht finde ich da ja Hinweise auf eine Lösung für mein Problem? Als das Kind mich das nächste Mal mit in sein Zimmer nimmt, schaue ich mich möglichst unauffällig um. Aber die Bücher sind sehr weit oben im Regal, wie ich feststelle, als er mich mal wieder auf den Rücken dreht. Ich komme ja nicht mal alleine auf die Füße (oder wie auch immer das bei Schildkröten heißt), wie soll ich denn dann da oben hinaufkommen? Hoffnungslos.

Später am Abend – ich bin mittlerweile wieder in den Kaninchenkäfig verbannt – unterhalten sich die Eltern des Blags. „Bleibt die alte Hexe etwa das ganze Wochenende hier?“, fragt der Mann irgendwann, und ich horche auf. Eine Hexe! Das könnte eine neue Spur aus meinem Elend heraus sein. Es stellt sich heraus, dass mit der alten Hexe die Mutter der Frau gemeint ist, und als sie eintrifft, verstehe ich auch schnell, warum er sie so nennt. Und dass Boshaftigkeit vermutlich eine Generation übersprungen hat und von der Großmutter direkt auf den Enkel vererbt wurde. Als dieser mich ihr zeigen will, schreit sie sofort los: „Igitt, tu das Ding weg!“ Fast zeitgleich mit dem Vater übrigens, der ruft „Nicht beim Essen, tu das Ding weg.“ Sind die beiden sich ja immerhin einmal einig, aber ich erkenne auch, dass von der Großmutter wohl keine Hilfe zu erwarten ist, und mümmele schwermütig und beleidigt an meinem Brokkolistrunk herum. Immerhin kein Rosenkohl.

Die Tage vergehen in meinem Elend, und ich habe viel Zeit zum Nachdenken, denn der Rotzbengel hat schnell den Spaß an mir verloren. Irgendwann dämmert es mir, dass ich in diesem Haus schon einmal gewesen bin, in einem anderen Leben. Damals habe ich genau dieser Familie dieses Haus hier zum Kauf angeboten. Zu einem Preis, der für die vielen gut versteckten Mängel viel zu hoch war, aber die Leute waren zu dumm, sich genauer zu informieren. Nur einmal musste ich das Blag bei der Besichtigung etwas grob von einem Raumteiler vertreiben, der geschickt eine schimmelige Wand verdeckte. Sie haben gekauft, die fette Provision hat den größten Teil des SUV finanziert.

Sie haben den Käfig offengelassen, das Haus ist leer, und ich habe eine Idee. Schleiche so schnell ich kann ins Kinderzimmer. Dort ist der Fußboden wie üblich mit einer zentimeterhohen Schicht aus Lego, Playmobil und diversen anderen Spielsachen bedeckt. Stück für Stück trage ich an der Tür Legosteine zusammen. Für das „H“ brauche ich eine halbe Ewigkeit, das „I“ geht naturgemäß erheblich schneller, das „L“ dauert wieder ein wenig länger, aber so langsam habe ich Übung. Als ich beim „F“ bin, kommen Mutter und Kind nach Hause. Letzterer laut schreiend. Der Rotzbengel stürzt sofort in sein Zimmer und zertrampelt bei seinem Wutanfall meinen halbfertigen Hilferuf. Mutlos lasse ich den Kopf hängen. Zwar hatte ich keine Ahnung, wie es hätte weitergehen sollen, wenn ihn jemand gelesen und verstanden hätte, aber jetzt habe ich den letzten Funken von Energie verloren. Wie alt können Schildkröten eigentlich werden?

Die Terrassentür steht offen, die Mutter ist immer noch mit dem schreienden Blag beschäftigt, keiner beachtet mich. Im Garten ist es wenigstens ruhig. Da ich nicht wieder in den Kaninchenkäfig zurückmöchte, verstecke ich mich erstmal unter den Büschen, bis es allmählich dunkel wird. Aber sie suchen nicht einmal nach mir. Ich zwänge mich durch ein Loch im Zaun, da ist schon die Straße. Auf der anderen Seite beginnt gleich ein Wäldchen, vielleicht sollte ich da mal mein Glück versuchen, etwas Besseres als den Tod finde ich überall. Als ich fast in der Mitte der Straße bin, sehe ich ein Auto herankommen, natürlich viel zu schnell, aber für meine derzeitigen Verhältnisse ist ja fast alles zu schnell. Ich bleibe einfach stehen, soll er mich halt überfahren, vielleicht lande ich dann vor einer Schildkrötenfee und habe die Wahl zwischen Butterblume und Geranie oder Maus und Ameise oder was weiß ich. Das Auto weicht im letzten Moment aus, und mit einem lauten Rumms treffen sich die Kühlerhaube und die Eiche. Dann ist alles still.

Literarische Kalendertürchen 20/??

Unterm Meer

 

Die Türklingel blubberte schon um 6:23. Zwar bin ich üblicherweise Frühaufsteher, damit ich schon mal in Ruhe meine Morgenrunde schwimmen kann, bevor ich mich zu meinem Frühstück aus Seetang niederlasse, um danach mein Tagwerk zu beginnen, aber 6:23 war mir dann doch zu früh.

Mit einem unwilligen Blubbern krabbelte ich Richtung Eingang. Wer auch immer das war, er hatte hoffentlich eine gute Erklärung für diese frühe Störung.

„UPD – eine Lieferung für Herrn Y. Krabbe.“ Die Postschnecke reichte mir ein gut verschnürtes Paket. „Da sind Sie hier falsch, ich bin J. Krabbe.“ Wenn meine Stimme unwirsch klang, war das auch so gemeint. Aber die Postschnecke ließ sich nicht so einfach aus der Ruhe bringen.

„Sind Sie sicher? Ich meine, dass Sie nicht Y. Krabbe sind? Hier ist doch ‚Unterm Stein 35‘?“

„Hier ist ‚Unterm Stein 37‘, die 35 ist nebenan.“ Schon wollte ich die Tür wieder zuschlagen, aber wer schon mal unter Wasser versucht hat, eine Tür zuzumachen, kann vielleicht nachvollziehen, dass das nicht so einfach ist. Ich schob also die Tür langsam und mit aller Kraft zu, aber die Postschnecke war schneller und warf das Paket durch den Türspalt. Es fiel mir in Zeitlupe vor die Füße und blieb mit einem leisen Plopp im Sand liegen.

„Zugestellt“, rief die Postschnecke fröhlich und wwuuuschh, war sie weg, und ich stand da, müde, ungefrühstückt und mit einem Paket für Yeti. Ausgerechnet Yeti. Für jeden anderen hätte ich gerne ein Paket angenommen, auch für Yeti hatte ich bis vor einem Jahr gerne Pakete angenommen, aber dann war der Vorfall mit den verdorbenen Muscheln passiert. Keine Details, dazu reicht die Zeit jetzt auch gar nicht, nur so viel: seitdem waren wir erbitterte Feinde. „Nie wieder spreche ich ein Wort mit ihm“, hatte ich geschworen, und Krabbenschwüre werden nicht gebrochen.

Mein erster Gedanke war, ihm das Paket einfach vor die Tür legen. Aber in letzter Zeit waren hier so viele räuberische Pistolenkrebse unterwegs, die es womöglich klauen würden. Und wenn Yeti dann die Unterwasserpaketverfolgung bemühte, würde er erfahren, dass ich das Paket angenommen hatte und womöglich denken, dass ich es behalten hatte. Ging also gar nicht.

Klingeln und es ihm wortlos in die Hand drücken? Gedacht, geschwommen. Aber bei Yeti machte niemand auf. Missmutig schwamm ich mit dem Paket wieder nach Hause. Seewespenmist.

Was hatte er sich wohl wieder schicken lassen? Neugierig guckte ich auf den Absender. „Oktonauten GmbH“ Nie gehört. Gut, dass wir vor einiger Zeit das Unterwasserbreitbandkabel angezapft hatten, so konnte man doch jetzt mal im Internet recherchieren, was das für eine Firma war. Surfboards stellten die her. Was wollte Yeti denn damit?

Während ich meinen üblichen Beschäftigungen nachschwomm, dachte ich ungewollt ständig über das Paket und seinen geheimnisvollen Inhalt nach.

Yeti klingelte um 20:01, als ich es mir gerade vor dem Fernseher mit dem Abendessen und den Nachrichten gemütlich gemacht hatte. Mit dem Gefühl für die richtige Zeit hatte er schon immer Probleme gehabt. Aber man ist ja keine Unkrabbe. Wortlos öffnete ich die Tür, ebenso wortlos drückte ich ihm das Paket in die Hand.

„Oh, da ist es ja endlich“, rief er mit leuchtenden Augen, als er den Absender sah. „Danke, dass du es für mich angenommen hast.“

Meine Lippen blieben fest zusammengepresst. Yeti hatte sich schon wieder umgedreht und war dabei, mit seinem Paket davonzuschwimmen, da platzte es doch aus mir heraus.

„Du hast dir ein Surfboard bestellt?“

Langsam drehte er sich um, und ich erwartete schon eine böse Antwort, wie ich sie mir am liebsten selbst gegeben hätte. Er wirkte zwar ein wenig überrascht, antwortete dann aber: „Nein, das Surfboard habe ich schon, das hier ist nur Zubehör. Willst du morgen mitkommen, wenn ich es ausprobiere?“

Nun ja, er hatte mit dem Gespräch angefangen, somit hatte er ja auch das „nie wieder“ gebrochen, nicht wahr?