Literarische Kalendertürchen 24/24

Der kleine Bär und die Sterne

 

„Natürlich haben wir den schönsten Christbaumschmuck“, sagte der kleine Bär. „Ich hole uns die glitzernden Sterne vom Himmel.“ Die lange Leiter stand etwas wackelig, aber es schien zu klappen. Schon sieben Sterne hatte der kleine Bär vom Himmel gepflückt. Er griff nach dem Achten.

„Stopp“, rief eine laute Stimme. Der kleine Bär wäre fast von der Leiter gefallen, er konnte sich gerade noch am Orion festhalten.

„Abgabe nur in haushaltsüblichen Mengen, haben Sie das Schild an der Pforte nicht gesehen?“

„Aber …. Ich bin ein Bär! Und ich habe einen großen Haushalt! Und einen großen Christbaum!“, sagte der kleine Bär, konnte aber nicht verhindern, dass seine Stimme dabei ein wenig zitterte.

„Das mag ja sein, aber erstens sind Sie nur ein kleiner Bär und zweitens ist zur Definition des Wortes ‚haushaltsüblich‘ die Größe des Haushalts unerheblich. Was haushaltsüblich ist, bestimmen wir. Fünf Sterne sind das absolute Maximum. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder einfach so viele Sterne mitnehmen würde, wie er will? Ein wenig Ordnung muss schon sein, sogar in diesem Chaos hier.“

Der kleine Bär überlegte, irgendwie sah er das ja ein, wenn das wirklich jeder machen würde, wären bald alle Sterne weg und der Himmel nachts dunkel. Aber andererseits … „Ich will sie mir ja nur leihen, nicht behalten, in zwei Wochen bringe ich sie alle zurück, ganz bestimmt, unversehrt und frisch geputzt.“

„Sieht das hier etwa aus wie ein Sternenverleih?“ Die Stimme klang jetzt ganz schön böse. „Zum Leihen müssen Sie in eine Bibliothek gehen, oder zu einem Fahrradverleih. Ich bezweifle allerdings, dass Sie da Sterne ausleihen können.“

Der kleine Bär nickte, das konnte er sich auch nur schwer vorstellen, davon hätte er sonst bestimmt schon mal in den Nachrichten gehört oder bei Instagram gelesen.

„Aber … ich habe jetzt schon die sieben gepflückt, die darf ich doch mitnehmen? Ausnahmsweise?“ Der kleine Bär setzte sein liebreizendstes Teddybärengesicht auf und plinkerte mit den Augen.

„FÜNF“, wiederholte die Stimme in Großbuchstaben. „Schließlich ist fünf eine magische Zahl, es gibt die fünf Sinne, fünf Finger und Zehen an jeder Hand oder an jedem Fuß …“

Der kleine Bär sah an sich herunter und zählte nach. Es stimmte tatsächlich.

„Fünf Elemente in der chinesischen Philosophie, fünf Sterne bei Amazon, fünf Bücher Mose, Fünfuhrtee, die fünf heiligen Könige …“

„Aber das waren doch nur drei“, rief der kleine Bär und hielt sich sofort alle fünf Finger einer Hand vor den Mund, nicht, dass die Stimme sein Sternkontingent jetzt auf drei reduzieren würde.

„Zwei sind im Laufe der Jahrhunderte in den Überlieferungen verloren gegangen, vermutlich, weil es Königinnen waren. Aber es waren definitiv fünf“, sagte die Stimme mit viel Nachdruck und Überzeugung.

„Sieben ist aber auch eine magische Zahl“, versuchte es der kleine Bär noch einmal, und suchte nach Beispielen „sieben Tage hat die Woche, sieben Farben hat der Regenbogen, über sieben Brücken muss man gehen …“

„Sieben Todsünden gibt es – Gier ist übrigens eine davon“, unterbrach ihn die Stimme streng. „Und sieben Jahre Pech hat man, wenn man einen Spiegel zerbricht – oder mit mir zu lange diskutiert.“

Der kleine Bär schluckte. „Also gut, dann fünf. Aber meine Freunde werden bestimmt sehr traurig sein, wenn unser Baum nicht so schön funkelt.“

„Die werden noch viel trauriger sein, wenn Sie ganz ohne Sterne zurückkommen. Zwei bleiben hier – oder alle. Und bitte genau dahin zurückhängen, wo Sie sie heruntergenommen haben, wir haben keine Zeit, auch noch hinter Ihnen herzuräumen. Und schnell, wir schließen gleich.“

Jetzt wurde der kleine Bär hektisch, musste er sich doch entscheiden, welche zwei er hierlassen und welche fünf er mitnehmen wollte. Dieser hier sah besonders schön aus, den wollte er auf jeden Fall – aber dieser oder dieser auch. Der kleine Bär sortierte die Sterne vor sich, aber immer, wenn er dachte, er hätte sich endlich festgelegt, funkelte einer der aussortierten Sterne ganz besonders schön. Er konnte sich einfach nicht entscheiden, es war zu schwierig. Mittlerweile wusste er auch schon gar nicht mehr so genau, welchen Stern er wo gepflückt hatte, das würde sein nächstes Problem werden. Die Stimme schwieg jetzt zwar, aber der kleine Bär spürte die Ungeduld, erwartete jeden Moment eine erneute barsche Ansage, die ihn womöglich sogar ganz ohne Sterne fortschicken würde. Und was würde er dann zu Hause sagen? Ohne, dass er es merkte, tropfte eine Träne nach der anderen aus seinen Augen in sein Fell.

„Also gut, damit das hier heute noch ein Ende findet, auch wir wollen schließlich mal Feierabend machen“, meldete sich jetzt wieder die Stimme, die auf einmal ungewohnt sanft und versöhnlich klang. „Vorschlag zur Güte: Sie nehmen fünf mit, egal welche, und ich packe Ihnen die übrigen beiden in die Cloud. Mit sieben Sternen kämen Sie vermutlich ohnehin nicht wieder heil die Leiter runter, und niemand will einen kleinen Bären mit gebrochenen Beinen – oder sogar noch Schlimmerem.“

„Oh, danke, danke, das ist aber sehr lieb von Ihnen! Das werde ich Ihnen nie vergessen“, rief der kleine Bär und wischte sich die letzte Träne aus dem Augenwinkel. „Aber, wie komme ich von unten an die beiden heran?“

„Ich gebe Ihnen einen QR-Code für die Zugangsdaten mit, nur das Passwort müssen Sie sich merken, es lautet …“

Das Passwort wird hier natürlich nicht verraten, nur so viel: kurz darauf sah man einen überglücklichen kleinen Bären, mit fünf Sternen und einem QR-Code in den Händen, die Leiter wieder hinunterklettern. Ob er der Stimme diese Großzügigkeit wirklich nie vergessen hat, oder ob er womöglich sogar schon das Passwort vergessen hatte, bis er wieder unten ankam, ist nicht bekannt. Aber der Christbaum war wirklich sehr schön in diesem Jahr, das fanden alle.