Literarische Kalendertürchen 23/24

Geheimnisvolle Busfahrt

Es ist Freitagabend und du fährst mit dem Bus nachhause, und zwar wie immer bis zur Endstation. Und wie immer steigen dort alle aus und du willst es auch schon tun, als du bemerkst, dass der Mann mit der Melone ganz vorne und die zwei älteren Damen im hinteren Teil des Busses keine Anstalten machen, aufzustehen. Du beschließt ebenfalls sitzen zu bleiben und abzuwarten, was als Nächstes geschieht

 

Doris wurde ganz aufgeregt, hatte es jetzt endlich geklappt? Im Internet hatte sie vor einiger Zeit einen langen Beitrag von jemandem gelesen, der spätabends in einen Bus gestiegen war, der sich als Zeitreisebus entpuppt hatte. Im 18. Jahrhundert war dieser Mensch ausgestiegen und hatte dort einige Zeit gelebt. Er musste anscheinend irgendwann zurückgekehrt sein, sonst hätte er wohl nicht darüber berichten können, und Doris hatte sich flüchtig gefragt, ob man sich im 18. Jahrhundert nicht über einen Bus aus der Zukunft gewundert hatte, und wie er genau zurückgekommen war, und was passierte mit einem Bus im 18. Jahrhundert, wenn dort das Benzin alle war? Auch der Rest der Geschichte hatte nicht sehr logisch geklungen, aber was war schon immer logisch, und wenn, dann war es meist sterbenslangweilig.

Doris jedenfalls war dem Phänomen Zeitreisen im Allgemeinen und per Bus im Besonderen nachgegangen und hatte viele Beispiele und Berichte im Internet gefunden. Es schien so zu sein, dass man diese Reisen weder buchen noch planen konnte, sie passierten einfach. Bei den meisten hatte sich die Luft im Moment des Zeitsprungs verändert, von kalt nach warm oder umgekehrt. Oder es gab plötzlich Nebel. Vermutlich mussten die genauen Zeitübergangsstellen geheim gehalten werden, denn man stelle sich vor, jeder würde auf einmal Zeitreisen machen wollen und können. Statt „Malle ist nur einmal im Jahr“ würde es dann Lieder geben wie „Französische Revolution ist nur einmal im Jahr“ oder man würde Tickets zur Hinrichtung von Maria Stuart kaufen können.

Auch das Jahr oder den Ort schien man sich nicht aussuchen zu können, aber wenn der Mann mit der Melone ein Zeichen in Form eines Zeitreisenden aus der Vergangenheit auf dem Weg nach Hause war, dann könnte sie Glück haben und in London landen, wo sie schon immer mal hin gewollt hatte, egal zu welcher Zeit.

Der Fahrer sah in den Rückspiegel, ihre Augen trafen sich. War das womöglich so etwas wie eine Kontrolle, ob sie zeitreiseberechtigt war?

Doris setzte sich aufrechter hin und knibbelte vor Spannung an ihren Fingern. Sie nahm sich fest vor, ganz genau aufzupassen und allen Ungereimtheiten nachzugehen, die ihr bei den Geschichten aus dem Internet aufgefallen waren. Fühlte sich die Luft nicht schon etwas anders an als eben? Ja, das tat sie wirklich, denn der Fahrer hatte alle Türen weit geöffnet, drehte sich um und rief laut: „Wenn die Herrschaften dann jetzt geruhen würden auszusteigen, weiter geht es heute nicht mehr.“ Die beiden älteren Damen waren so in ihr Gespräch vertieft gewesen, dass sie die Ankunft an der Endhaltestelle gar nicht mitbekommen hatten, und der Mann mit der Melone war eingeschlafen. Jetzt stiegen sie alle zusammen aus, und Doris wollte sich gerade enttäuscht auf den Fußweg zu ihrer Wohnung machen, als der Mann mit der Melone leise zu ihr sagte:

„Hier geht es lang, wenn Sie mir bitte folgen möchten.“