Zaubersprüche
„Zaubern für Anfänger.“ Das war endlich einmal ein Kurs nach meinem Geschmack. Ich suchte ja schon lange nach Möglichkeiten, meine Verwandtschaft wenigstens einmal zu beeindrucken. Mangels Haus, Pferd, tollem Auto oder Boot sah es damit bislang nicht so gut aus, ich vermutete sogar, dass ich insgeheim als das schwarze Schaf der Familie galt, das oft nur aus Mitleid oder Höflichkeit eingeladen wurde.
Der Kursleiter stellte sich als echter Zauberer im Ruhestand heraus, nicht nur so ein Aushilfsmagier für Kindergeburtstage, wie ich insgeheim befürchtet hatte, und wir TeilnehmerInnen lernten fleißig und eifrig, was er uns vermittelte.
Bevor ich meine neuen Fähigkeiten auf der Geburtstagsfeier von Tante Hilda präsentieren konnte, wollte ich aber erst mal allein, unauffällig und im Kleinen üben, um mich nicht zu blamieren.
Der Köter von nebenan war ein gutes Übungsobjekt, bzw. die Haufen, die er immer auf dem Gehweg hinterließ, und die sein Herrchen offenbar nicht für entfernenswert hielt. Ich hätte dieses Minifellbündel am liebsten in ein anderes Tier verwandelt, entweder in einen richtigen Hund – auch wenn das vermutlich noch viel größere Hundehaufen zur Folge gehabt hätte – oder noch lieber in eine Katze, aber Verwandlungen von Lebewesen würden erst im Folgekurs behandelt werden, somit fiel das aus. Aber den Hundehaufen könnte ich verwandeln!
„Hokuspokus Witzgebold – dieser Haufen werd‘ zu Gold“
Es klappte tatsächlich. Anstatt des stinkenden Häufchens lag ein winziger Goldring auf dem Bürgersteig. Nun, er war nur goldfarben und eher so ein Ding, das man früher aus einem Kaugummiautomaten gezogen hatte, aber immerhin!
Dann war der Geburtstagsnachmittag da. Natürlich nahm mich keiner ernst, als ich verkündete, der Verwandtschaft jetzt etwas vorzaubern zu wollen. Jetzt schon den Fortsetzungskurs besucht haben und sie alle in Stubenfliegen verwandeln! Aber leider, leider …
„Wenn mir einer ein Schmuckstück gibt, am besten aus echtem Gold, dann vermehre ich es für euch. Kein Trick!“, schlug ich vor. Zweifelndes Gemurmel rund um den Kaffeetisch. Tante Hilda gab mir schließlich ihren Ehering. Der dazugehörige Mann war längst verschieden und hatte eh nichts getaugt, wie sie sagte.
„Hokuspokus Stachelbeeren – dieses Gold wird sich vermehren“
Nichts passierte, das war der falsche Zauberspruch. Ich kramte hektisch in meinem Gedächtnis, die Verwandtschaft kicherte schadenfroh.
„Hokuspokus Feldkarnickel – dieser Ring wächst wie ein Pickel!“
Das war es! Vor aller Augen begann der Ring größer zu werden. Schnell stoppte ich das Wachstum mit einer Handbewegung. Wenn sich verzauberte Goldmoleküle zu sehr ausdehnen, zerfallen sie zu Staub, das wollte ich natürlich vermeiden.
Der vergrößerte Ring wanderte von Hand zu Hand, jetzt waren sie beeindruckt, und jeder kramte an Fingern, Hals, Händen und Ohren, um alle vorhandenen Schmuckstücke auf den Tisch zu legen.
Meine Unsicherheit verschwand im gleichen Maße, wie der Pretiosenhaufen auf dem Tisch wuchs.
Ich holte tief Luft und sprach:
„Hokuspokus Komasaufen – dieser Schmuck werd‘ zu ’nem Haufen“
Hinterher war ich mir nicht sicher, ob mir mein Gedächtnis einfach einen Streich gespielt hatte, oder ob es womöglich Absicht gewesen war. In jedem Fall sorgte der riesige stinkende Hundehaufen auf dem Tisch und der verschwundene Schmuck dafür, dass ich zukünftig nicht mehr zu Familienfesten eingeladen wurde.