Literarische Kalendertürchen 21/??

Pedro

„Schildkröte oder Frosch?“
Ich blinzele verwirrt in die plötzliche Helle. Eben noch war ich mit meinem SUV – eilig wie immer – durchs Wohngebiet gebraust, das Spielstraßenschild ignorierend. Aber hey, um diese Tages- besser gesagt Abendzeit lässt man seine Kinder nicht mehr auf der Straße spielen. Da lag auf einmal etwas vor mir auf der Straße, und ich riss reflexartig das Steuer herum, sah gerade noch den Baum mit dem „Nehmt Rücksicht“ Schild auf mich zukommen – und jetzt diese Stimme. Meine Augen gewöhnen sich an die Helligkeit und stellen auf die Gestalt vor mir scharf: eine Fee, zweifellos. Die umgedrehte Schultüte auf ihrem Kopf mit dem daran hängenden Schleier und das bonbonrosa Tüllkleid lassen keine andere Möglichkeit zu. Nur das strenge Gesicht mit den mich scharf musternden Augen hinter einer mit glitzernden Einhörnern verzierten Brille und das Klemmbrett, das sie in der Hand hält, passen irgendwie nicht ins Gesamtbild.
„Schildkröte oder Frosch?“, wiederholt die Fee, jetzt ein wenig ungeduldiger.
„Wwwwie bitte, was?“
Sie seufzt.
„Die Summe, besser gesagt der Qualitätsquerschnitt Ihres bisherigen Lebens“, sie blättert durch die Unterlagen an ihrem Klemmbrett und liest vor, „Organisation des Verkaufs minderwertiger Immobilien zu überhöhten Preisen, Verweigerung von Unterhaltszahlungen, vorsätzliche Lügen, Unterschlagungen, Fahren mit überhöhter Geschwindigkeit, etceterapepe… Das alles würde hier wirklich zu weit führen, jedenfalls haben Sie deshalb die Wahl zwischen einem Leben als Schildkröte oder als Frosch. Und seien Sie froh, dass Sie keine männliche Spinne werden, oder eine Drohne, also eine echte, eine Arbeitsbiene, nicht dieser neumodische technische Schnickschnack. Aber bitte, entscheiden Sie sich schnell, in zwei Minuten habe ich bereits den nächsten Fall!“
Ich schlucke. „Schildkröte?“, will eigentlich noch mehr sagen oder fragen, aber sie ist schneller.
„So sei es.“
Aus den Tiefen ihres Feenkleides fördert sie einen großen Stempel zutage, und mit dem Geräusch des auf dem Klemmbrett aufgedrückten Gummisiegels finde ich mich auf Rasen wieder, zwischen riesigen Grashalmen, ach nein, vermutlich bin ich so klein. Vier Füße zähle ich nach einigen Mühen, denn aus meinem weichen und anschmiegsamen Maßanzug ist ein unflexibler Panzer geworden, der jede Bewegung zu einem Abenteuer werden lässt, noch dazu ist mir die Fortbewegung auf vier Füßen mehr als ungewohnt. Kurz beglückwünsche ich mich zu meiner Weitsicht, mich für das Tier entschieden zu haben, das seine Wohnung immer bei sich trägt, auch wenn sie mir auf den ersten Blick ein wenig karg eingerichtet und vor allem eng erscheint. Als Immobilienmakler kenne ich mich damit aus.

Bevor ich aber weiter über meine Lage nachdenken kann, werde ich unsanft hochgehoben, und eine Kinderstimme gellt schrill: „Guck mal, Mami, eine Schildkröte. Darf ich sie behalten? Bitte! Ich hab mir doch so sehr ein neues Tier gewünscht, seit Hasi nicht mehr da ist. Ich werde sie Pedro nennen.“
„Die gehört doch bestimmt jemandem, Schildkröten fallen schließlich nicht vom Himmel“, antwortet eine andere Stimme, vermutlich die Mutter dieses Blags.
„Wenn du wüsstest“, möchte ich sagen, es kommt aber nur ein pfeifendes Geräusch aus meinem Mund.

Sie beschließen, mich vorerst zu behalten. Ich werde in einen Zwergkaninchenkäfig gesperrt und bekomme ein paar Salatblätter vorgeworfen. Während ich angeekelt daran knabbere, denke ich an die leckeren Abendessen zu Hause oder mit den Kollegen. Ob mich schon jemand vermisst? Bin ich also jetzt Pedro, die Schildkröte, wird ja hoffentlich nicht ewig dauern, dieser Spuk.

Das Kind erweist sich als eine echte Plage, er möchte mich dressieren wie den Hund, den die Eltern ihm – vermutlich aus gutem Grund – nicht erlauben. Weil ich weder das Stöckchen bringe, noch Männchen mache, dreht er mich auf den Rücken und lacht mich hämisch aus, wenn ich verzweifelt herumzappele und natürlich nicht mit eigener Kraft wieder auf die Beine komme. Die Mutter rettet mich irgendwann und setzt mich wieder in den Kaninchenkäfig. Was mag wohl mit dem ursprünglichen Bewohner dieses Geheges passiert sein?

Aber ich denke vorerst lieber über wichtigere Dinge nach: Wie komme ich hier wieder raus. Erstmal aus dem Kaninchenkäfig, dann aus meinem Panzer und diesem verwünschten Leben als Schildkröte. Leider erinnere ich mich nicht mehr gut daran, was in Geschichten üblicherweise mit verzauberten Tieren passiert. Doch! Der Froschkönig fällt mir ein, und wieder bin ich froh, mich versehentlich und unfreiwillig für die Schildkröte entschieden zu haben. Welches Geschlecht habe ich überhaupt? Hat die Fee mir wenigstens meine Männlichkeit gelassen? Da ich aber weder weiß, wie man das bei Schildkröten feststellt, noch mich näher in die Körperregionen heran bewegen kann, in denen die Geschlechtsmerkmale sich üblicherweise befinden, stelle ich auch diese Frage erstmal hintenan. Das nervtötende Blag mit seiner schrillen Kreischstimme hat einige Märchenbücher in seinem Zimmer, vielleicht finde ich da ja Hinweise auf eine Lösung für mein Problem? Als das Kind mich das nächste Mal mit in sein Zimmer nimmt, schaue ich mich möglichst unauffällig um. Aber die Bücher sind sehr weit oben im Regal, wie ich feststelle, als er mich mal wieder auf den Rücken dreht. Ich komme ja nicht mal alleine auf die Füße (oder wie auch immer das bei Schildkröten heißt), wie soll ich denn dann da oben hinaufkommen? Hoffnungslos.

Später am Abend – ich bin mittlerweile wieder in den Kaninchenkäfig verbannt – unterhalten sich die Eltern des Blags. „Bleibt die alte Hexe etwa das ganze Wochenende hier?“, fragt der Mann irgendwann, und ich horche auf. Eine Hexe! Das könnte eine neue Spur aus meinem Elend heraus sein. Es stellt sich heraus, dass mit der alten Hexe die Mutter der Frau gemeint ist, und als sie eintrifft, verstehe ich auch schnell, warum er sie so nennt. Und dass Boshaftigkeit vermutlich eine Generation übersprungen hat und von der Großmutter direkt auf den Enkel vererbt wurde. Als dieser mich ihr zeigen will, schreit sie sofort los: „Igitt, tu das Ding weg!“ Fast zeitgleich mit dem Vater übrigens, der ruft „Nicht beim Essen, tu das Ding weg.“ Sind die beiden sich ja immerhin einmal einig, aber ich erkenne auch, dass von der Großmutter wohl keine Hilfe zu erwarten ist, und mümmele schwermütig und beleidigt an meinem Brokkolistrunk herum. Immerhin kein Rosenkohl.

Die Tage vergehen in meinem Elend, und ich habe viel Zeit zum Nachdenken, denn der Rotzbengel hat schnell den Spaß an mir verloren. Irgendwann dämmert es mir, dass ich in diesem Haus schon einmal gewesen bin, in einem anderen Leben. Damals habe ich genau dieser Familie dieses Haus hier zum Kauf angeboten. Zu einem Preis, der für die vielen gut versteckten Mängel viel zu hoch war, aber die Leute waren zu dumm, sich genauer zu informieren. Nur einmal musste ich das Blag bei der Besichtigung etwas grob von einem Raumteiler vertreiben, der geschickt eine schimmelige Wand verdeckte. Sie haben gekauft, die fette Provision hat den größten Teil des SUV finanziert.

Sie haben den Käfig offengelassen, das Haus ist leer, und ich habe eine Idee. Schleiche so schnell ich kann ins Kinderzimmer. Dort ist der Fußboden wie üblich mit einer zentimeterhohen Schicht aus Lego, Playmobil und diversen anderen Spielsachen bedeckt. Stück für Stück trage ich an der Tür Legosteine zusammen. Für das „H“ brauche ich eine halbe Ewigkeit, das „I“ geht naturgemäß erheblich schneller, das „L“ dauert wieder ein wenig länger, aber so langsam habe ich Übung. Als ich beim „F“ bin, kommen Mutter und Kind nach Hause. Letzterer laut schreiend. Der Rotzbengel stürzt sofort in sein Zimmer und zertrampelt bei seinem Wutanfall meinen halbfertigen Hilferuf. Mutlos lasse ich den Kopf hängen. Zwar hatte ich keine Ahnung, wie es hätte weitergehen sollen, wenn ihn jemand gelesen und verstanden hätte, aber jetzt habe ich den letzten Funken von Energie verloren. Wie alt können Schildkröten eigentlich werden?

Die Terrassentür steht offen, die Mutter ist immer noch mit dem schreienden Blag beschäftigt, keiner beachtet mich. Im Garten ist es wenigstens ruhig. Da ich nicht wieder in den Kaninchenkäfig zurückmöchte, verstecke ich mich erstmal unter den Büschen, bis es allmählich dunkel wird. Aber sie suchen nicht einmal nach mir. Ich zwänge mich durch ein Loch im Zaun, da ist schon die Straße. Auf der anderen Seite beginnt gleich ein Wäldchen, vielleicht sollte ich da mal mein Glück versuchen, etwas Besseres als den Tod finde ich überall. Als ich fast in der Mitte der Straße bin, sehe ich ein Auto herankommen, natürlich viel zu schnell, aber für meine derzeitigen Verhältnisse ist ja fast alles zu schnell. Ich bleibe einfach stehen, soll er mich halt überfahren, vielleicht lande ich dann vor einer Schildkrötenfee und habe die Wahl zwischen Butterblume und Geranie oder Maus und Ameise oder was weiß ich. Das Auto weicht im letzten Moment aus, und mit einem lauten Rumms treffen sich die Kühlerhaube und die Eiche. Dann ist alles still.