Unterm Meer
Die Türklingel blubberte schon um 6:23. Zwar bin ich üblicherweise Frühaufsteher, damit ich schon mal in Ruhe meine Morgenrunde schwimmen kann, bevor ich mich zu meinem Frühstück aus Seetang niederlasse, um danach mein Tagwerk zu beginnen, aber 6:23 war mir dann doch zu früh.
Mit einem unwilligen Blubbern krabbelte ich Richtung Eingang. Wer auch immer das war, er hatte hoffentlich eine gute Erklärung für diese frühe Störung.
„UPD – eine Lieferung für Herrn Y. Krabbe.“ Die Postschnecke reichte mir ein gut verschnürtes Paket. „Da sind Sie hier falsch, ich bin J. Krabbe.“ Wenn meine Stimme unwirsch klang, war das auch so gemeint. Aber die Postschnecke ließ sich nicht so einfach aus der Ruhe bringen.
„Sind Sie sicher? Ich meine, dass Sie nicht Y. Krabbe sind? Hier ist doch ‚Unterm Stein 35‘?“
„Hier ist ‚Unterm Stein 37‘, die 35 ist nebenan.“ Schon wollte ich die Tür wieder zuschlagen, aber wer schon mal unter Wasser versucht hat, eine Tür zuzumachen, kann vielleicht nachvollziehen, dass das nicht so einfach ist. Ich schob also die Tür langsam und mit aller Kraft zu, aber die Postschnecke war schneller und warf das Paket durch den Türspalt. Es fiel mir in Zeitlupe vor die Füße und blieb mit einem leisen Plopp im Sand liegen.
„Zugestellt“, rief die Postschnecke fröhlich und wwuuuschh, war sie weg, und ich stand da, müde, ungefrühstückt und mit einem Paket für Yeti. Ausgerechnet Yeti. Für jeden anderen hätte ich gerne ein Paket angenommen, auch für Yeti hatte ich bis vor einem Jahr gerne Pakete angenommen, aber dann war der Vorfall mit den verdorbenen Muscheln passiert. Keine Details, dazu reicht die Zeit jetzt auch gar nicht, nur so viel: seitdem waren wir erbitterte Feinde. „Nie wieder spreche ich ein Wort mit ihm“, hatte ich geschworen, und Krabbenschwüre werden nicht gebrochen.
Mein erster Gedanke war, ihm das Paket einfach vor die Tür legen. Aber in letzter Zeit waren hier so viele räuberische Pistolenkrebse unterwegs, die es womöglich klauen würden. Und wenn Yeti dann die Unterwasserpaketverfolgung bemühte, würde er erfahren, dass ich das Paket angenommen hatte und womöglich denken, dass ich es behalten hatte. Ging also gar nicht.
Klingeln und es ihm wortlos in die Hand drücken? Gedacht, geschwommen. Aber bei Yeti machte niemand auf. Missmutig schwamm ich mit dem Paket wieder nach Hause. Seewespenmist.
Was hatte er sich wohl wieder schicken lassen? Neugierig guckte ich auf den Absender. „Oktonauten GmbH“ Nie gehört. Gut, dass wir vor einiger Zeit das Unterwasserbreitbandkabel angezapft hatten, so konnte man doch jetzt mal im Internet recherchieren, was das für eine Firma war. Surfboards stellten die her. Was wollte Yeti denn damit?
Während ich meinen üblichen Beschäftigungen nachschwomm, dachte ich ungewollt ständig über das Paket und seinen geheimnisvollen Inhalt nach.
Yeti klingelte um 20:01, als ich es mir gerade vor dem Fernseher mit dem Abendessen und den Nachrichten gemütlich gemacht hatte. Mit dem Gefühl für die richtige Zeit hatte er schon immer Probleme gehabt. Aber man ist ja keine Unkrabbe. Wortlos öffnete ich die Tür, ebenso wortlos drückte ich ihm das Paket in die Hand.
„Oh, da ist es ja endlich“, rief er mit leuchtenden Augen, als er den Absender sah. „Danke, dass du es für mich angenommen hast.“
Meine Lippen blieben fest zusammengepresst. Yeti hatte sich schon wieder umgedreht und war dabei, mit seinem Paket davonzuschwimmen, da platzte es doch aus mir heraus.
„Du hast dir ein Surfboard bestellt?“
Langsam drehte er sich um, und ich erwartete schon eine böse Antwort, wie ich sie mir am liebsten selbst gegeben hätte. Er wirkte zwar ein wenig überrascht, antwortete dann aber: „Nein, das Surfboard habe ich schon, das hier ist nur Zubehör. Willst du morgen mitkommen, wenn ich es ausprobiere?“
Nun ja, er hatte mit dem Gespräch angefangen, somit hatte er ja auch das „nie wieder“ gebrochen, nicht wahr?