Literarische Kalendertürchen 15/??

Beim Einkaufen waren wir uns zufällig über den Weg gelaufen, ausgerechnet beim Aldi vor dem Käseregal. Ich hatte ihn sofort wiedererkannt, er war einer dieser glücklichen Menschen, an denen die Zeit weitestgehend spurlos vorübergeht. Ich lächelte nur vage in seine Richtung, konnte mir nicht vorstellen, dass er sich überhaupt an mich erinnerte, aber er begrüßte mich mit einem Strahlen, das Eiswürfel zum Hüpfen gebracht hätte.

„Melde dich bei mir, wir müssen unbedingt mal wieder etwas zusammen unternehmen“, sagte er zum Abschied und reichte mir eine Visitenkarte, die er mit einem sichtlich erprobten Schwung aus der Jackentasche gezogen hatte. Genauso schwungvoll steuerte er nun seinen Einkaufswagen Richtung Kasse, zurück blieb nur ein Hauch seines Aftershaves, das er genauso wenig gewechselt zu haben schien wie seinen Kleidungsstil oder sein Lächeln.

Wir hatten damals ein paar kurze Wochen zusammengearbeitet, die lange genug dauerten, dass er jeden meiner Tage zum Leuchten und mein Herz zum Stolpern brachte. Nachdem er fort war, stolperte das Herz noch eine ganze Weile weiter, und bis die Tage wieder heller wurden, dauerte es eine noch viel längere Weile. Wir hatten geheiratet, jeder jemand anders. Ich hatte seine Wege immer mal wieder im Internet verfolgt. Er hatte Karriere gemacht, war ins Ausland gegangen und erst vor einigen Jahren wieder in unseren Ort zurückgekehrt. Seine Frau war in der Zwischenzeit gestorben. Und jetzt kaufte er also bei Aldi ein und hatte mir seine Visitenkarte gegeben.

Ich speicherte seine Nummer im Telefon ab. Jetzt waren es nur noch wenige Wischer. Ich hörte in Gedanken seine Stimme, wie er mich zum Abendessen einlud. „Spaghetti Carbonara, die isst du doch so gerne“, könnte er sagen. Und ich könnte vorschlagen, einen guten Rotwein – nicht vom Aldi – mitzubringen, und wir würden uns bei vielen „weißt du noch’s“ näherkommen.

Ob ich vielleicht doch lieber eine E-Mail schreibe? Oder eine Textnachricht? Dann musste niemand von uns sofort reagieren und wir könnten uns peinliches Schweigen sparen.

Warum habe ich ihm nicht einfach meine Nummer gegeben, dann müsste er jetzt überlegen, ob und wie er mich kontaktiert. Oder auch nicht.

Erst einmal vereinbarte ich den langaufgeschobenen Zahnarzttermin. Und rief beim Steuerberater an. Danach war ich erschöpft. Meine Gedanken aber gingen ständig im „damals“ spazieren. Ich erinnerte mich an zufällige Berührungen in der Kaffeeküche oder am Kopierer, an Lächeln über Tische hinweg in der Kantine. Momente, die in meinem Album für besonders schöne Erinnerungen jeweils eine Einzelseite hatten.

Ich erinnerte mich aber auch an seine Art, sich über andere lustig zu machen. Und an das Projekt, für das ich die meiste Arbeit getan, er hingegen vor allem die Lorbeeren eingeheimst hatte.

Er war für einige Zeit der wichtigste Mensch in meinem Leben gewesen und hatte das vermutlich nicht einmal geahnt.

Das Telefon lag vor mir.