Literarische Kalendertürchen 14/??

„Fleischwolf Größe 8“ stand auf dem Karton, als sie das Geschenkpapier ungeduldig heruntergerissen hatte. Da stand noch viel mehr, aber das Einzige, was zählte: Es war ein Wolf! Das war ja noch viel besser als der Hund, den sie sich so sehnlichst gewünscht hatte!

Metallen glänzte er, fast wie Silber.  Am Kopf ein rundes Maul mit Löchern, hinter dem sie Zähne vermutete. Der Rumpf kompakt, fast massiv, am unteren Ende anstatt von Beinen eine große Schraube. Und auf der Gegenseite vom Kopf ein Schwanz, der sich kurbeln ließ, mit einem Ende aus hellem Holz. Auf den Bildern im Märchenbuch hatte der Wolf zwar ganz anders ausgesehen, aber das war jetzt egal.

Mit einem Jubelschrei nahm sie ihn in den Arm, während die Eltern ihr verblüfft zusahen. Alle übrigen Geschenke: das große L*go-Set, das rote Kleid samt Haube, der wunderschöne Korb, die Bücher, blieben unbeachtet, sie hatte nur noch Augen für ihn, den Wolf. Schon hatte sie ihm eine Leine aus Geschenkband umgelegt. „Nur bis er sich an mich gewöhnt hat, danach darf er frei sein“, erklärte sie den Eltern. Von der Schokolade, die sie ihm anbot, wollte Wolf nichts fressen. „Der hat bestimmt erst morgen Mittag Hunger, wenn es Fleisch gibt“, meinte der Vater und gab dabei sehr komische Geräusche von sich. Die Mutter stupste ihn mit einem bösen Blick in die Seite. Der Vater widmete sich daraufhin beleidigt dem L*go-Set seiner Tochter.

Eigentlich war das gar nicht ihr Geschenk gewesen, sondern das der Mutter an den Vater, aber sie hatte augenblicklich gewusst, dass er zu ihr gehörte, dass er das genau das war, was sie sich immer gewünscht hatte – wenn es denn kein Hund sein konnte, was sie ja irgendwie auch eingesehen hatte. Das Geschenk, von dem sie geträumt hatte, ohne es je wirklich gesehen zu haben, nicht mal im Traum. Das Geschenk, das ihr ein besserer Freund sein würde als alle Kinder in der Schule. Ein Freund, wie man ihn nur selten findet im Leben. Das Geschenk der Geschenke. Da hatte natürlich niemand ein Herz, ihr zu erklären, dass er ursprünglich gar nicht ihr hätte gehören sollen.

Erst spät am Abend bettete sie ihn in seiner Schachtel zum Schlafen, nachdem die Eltern sie überzeugt hatten, dass er sich im Bett bei ihr nicht wohlfühlen würde und außerdem der Teddy eifersüchtig werden würde. Was sie endgültig zur Einsicht brachte, war, dass auf der Schachtel ja schließlich sein Name stand und er demzufolge dort drinnen zu Hause war.  

„Das war mein schönstes Weihnachtsgeschenk“, sagte sie schon mit ganz schläfrigen Augen zur Mutter, als diese sie ins Bett brachte.

„Kriegst nächste Woche einen anderen“, tröstete die Mutter den Vater später.

„Dann achte aber darauf, dass es kein Weibchen ist, sonst haben wir hier bald ein ganzes Wolfsrudel“, sagte der Vater.