Es regnete. Auch das noch. Erst der stressige Arbeitstag – ein sinnloses Meeting nach dem anderen -, dann die Chorprobe, bei der nichts geklappt hatte und sich ihre Stimme wie rostige Nägel angehört hatte – wie auch immer sich singende, rostige Nägel anhören.
Das Auto stand weit weg, und es sah nicht so aus, als ob der Regen bald nachlassen würde, eher im Gegenteil. Im Schirmständer stand ein einzelner schwarzer Schirm, den sie sich nach kurzer Überlegung griff. Beim Aufspannen merkte sie, dass er wohl aus gutem Grund stehengelassen worden war, der Stoff hing in Fetzen an verbogenen Drähten herunter. Vermutlich würde sie mit ihm sogar noch nasser werden als ohne ihn, dachte sie verdrießlich und stapfte los. Pfützen schienen sich ihr heimtückisch in den Weg zu legen, und der Wind drehte immer dann, wenn sie es gerade geschafft hatte, die besten Teile des Schirms so zu platzieren, dass wenigstens der Kopf teilweise trocken blieb. Na toll, ganz toll!
Die Bö traf sie unvermutet, hob sie mitsamt Schirm, Tasche, Noten und Wasserflasche in die Höhe und zog sie mit sich. Warum sie den Schirm fester packte, anstatt ihn einfach loszulassen, wusste sie nicht. Als sie die Straße ein paar Meter unter sich liegen sah, war es ohnehin zu spät.
Seltsamerweise hatte sie keine Angst. Die schien mitsamt der gesammelten schlechten Laune unten auf der Erde geblieben zu sein. Sie wunderte sich nur darüber, dass sie sich nicht wunderte, wie der morsche Schirm sie überhaupt tragen konnte. Hier oben war alles selbstverständlich, und trotz des Regens klar und hell. Schon war sie ohnehin über den Wolken, wo es keinen Regen gab. Sie spürte den Wind auf ihrer Haut, sah den Mond am Horizont aufgehen, der ihr zuzuzwinkern schien und hörte das leise Geplapper der Sterne, die sich über Unendlichkeiten hinweg über Alltägliches unterhielten. Sie atmete tief durch, die Mundwinkel hoben sich genauso wie der Schirm sie angehoben hatte, sie schloss für einen Moment die Augen.
Der Wind setzte sie sanft auf dem Boden direkt vor ihrem Auto ab. Nur der kleine Hopser, den sie dabei machte, erinnerte sie daran, dass sie eben noch geflogen war. Fast zärtlich faltete sie den alten Schirm zusammen, stieg ein und fuhr los.
Und während sie laut „Über den Wolken“ sang, klang ihre Stimme auf einmal gar nicht mehr wie rostige Nägel.