
Türen
Wenn eine Tür sich schliesst, öffnet sich eine andere. Sagt man. In den letzten Monaten waren aber gefühlt nur Türen zugegangen, ohne dass sich andere geöffnet hatten. Das hatte für ein Gefühl der Beklemmung gesorgt. Für Leere und Verzagtheit, die sie so schon länger nicht mehr gekannt hatte. Kurze Zeit vorher war sie noch strahlend und optimistisch durch die Welt gegangen, hatte sich jeden Tag über das Geschaffte gefreut, mehr Selbstbewusstsein gewonnen und sich geöffnet, erst vorsichtig, dann immer mutiger.
Wer sich öffnet wird aber auch verletztlicher, und so hatten sie kleine Rückschläge schlimmer getroffen, als es vielleicht sonst der Fall gewesen wäre. Der an sich unwichtige Vertrauensbruch des Kollegen, die Mail auf die man nie eine Antwort bekam, obwohl sie mit so viel Herzblut geschrieben worden war, das Vorsingen, bei dem sie kaum einen hörbaren Ton herausgebracht hatte und das sie nur aus Mitleid und dank der Fürsprache einer Mitsängerin überhaupt bestanden hatte, die Kollegin, die sich auf üble Art bei ihr für einen Moment der Gereiztheit revanchierte, usw. Wenn sie gewollt hätte, wären ihr noch viele Beispiele eingefallen, und jedes einzelne zog sie weiter wieder in den Strudel der Leere hinunter, aus dem sie doch gerade erst so mühsam ein paar Stufen emporgeklettert war.
Die Leere wollte gefüllt werden, mal mit Süssigkeiten, mal mit Fast Food. Und Fast Food gab es auch in nichtessbarer Form: es kam jeden Abend aus dem Fernseher, oder aus dem Internet. Das Unglückselige ist dabei nur, dass die Leere nicht verschwindet sondern sich im Gegenteil immer weiter ausbreitet, wie eine Epidemie.
Es fühlte sich an wie damals, als sie schon einmal den Kampf verloren beziehungsweise aufgegeben hatte: je mehr sie strampelte und versuchte, mit dem Kopf an der Oberfläche zu bleiben, desto tiefer versank sie.
Aber dieses Mal würde sie nicht aufgeben. Dafür war das, was sie gewonnen hatte zu wertvoll, jeden Tag von neuem machte sie sich das bewusst. Und wenn die Knie nicht so geschmerzt hätten und sie nicht insgesamt so ungelenkig geworden wäre, hätte sie sich selber jeden Tag in den Hintern getreten.
Aber dann, plötzlich und unerwartet gingen doch wieder zwei Türen auf, die eine nur sehr vorsichtig, eine andere dagegen weit.
Mit erhobenem Kopf stand sie auf, rückte die Krone zurecht und machte sich weiter auf den Weg. Oder die Wege.