Im Café

Missmutig schiebt Paul den Aufsteller mit der Eisreklame nach draußen, kümmert sich um die Kaffeemaschine, die schon wieder beachtet werden will und hasst den Tag jetzt schon, obwohl er noch nicht einmal richtig begonnen hat.
„Augen auf bei der Berufswahl“, hört er mal wieder diese höhnische Stimme in seinem Kopf, die verdächtig nach seinem Vater klingt. Der war Beamter bei der Bahn, zu einer Zeit, als es dort noch Beamte gab, und hätte seinen Sohn gern in einem ähnlich sicheren Beruf gesehen, als Finanzbeamter zum Beispiel. Aber Paul hat sich nicht überzeugen lassen, auch nicht durch den Entzug finanzieller Zuwendungen.
Paul hat studiert, irgendwas Geisteswissenschaftliches, Brotloses. So ganz genau weiß er das heute nicht mehr, er war wohl auch nur selten an der Uni, hat mehr das Leben studiert und die Liebe, oder was er dafür hielt.
Irgendwann ist er in diesem Café gelandet, dabei mag er gar keinen Kaffee, und Menschen eigentlich auch nicht, jedenfalls nicht die Urlaubsfamilien, die hier im Sommer seine Haupteinnahmequelle sind.
Immerhin, wenn er zu ihnen ganz normal unfreundlich ist, macht das nichts, sie kommen ja ohnehin nicht wieder.
Paul setzt sich die Sonnenbrille auf, gerade noch rechtzeitig, denn soeben betritt eine alte Dame das Café. Ihr „Guten Morgen“ erinnert ihn an die Stimme seiner ersten Lehrerin, Frau Bruhns: warm und fröhlich. Paul brummt etwas, das man mit viel gutem Willen als Erwiderung ihres Grußes interpretieren kann.
Sie bestellt Kaffee und ein Stück Apfelkuchen mit Sahne. Und setzt sich an einen Fenstertisch. Dass der Kuchen von gestern und die Sahne aus der Sprühdose ist, scheint sie nicht zu stören. Mit Genuss isst sie den Kuchen in kleinen Bissen, und beim ersten Schluck Kaffee schließt sie sogar die Augen.
Paul ertappt sich dabei, ständig zu ihr hinüberzusehen. Gesicht und Hände sind faltig, die Hand, die die Kaffeetasse hebt, zittert ein wenig. Aber ihre Augen leuchten, als er ihr Kaffee nachschenkt, und ihr „Danke“ wärmt ihn, besser als die Morgensonne. Diese Stimme genügt, damit er wieder sechs Jahre alt ist und Frau Bruhns sein erstes selbstgemaltes Bild schenkt.
„Ist das nicht ein wunderschöner Tag heute?“, fragt sie ihn, als er den leeren Kuchenteller abräumt. Und Paul merkt, dass seine Mundwinkel ein Eigenleben haben, sie heben sich, ohne dass er es ihnen befohlen hätte.
„Ja wirklich!“, hört er sich antworten, und auf einmal ist es tatsächlich ein schöner Tag.