Herr Bösewicht

Bei Herrn Bösewicht zu Hause war es wie üblich sehr aufgeräumt, erst gestern hatte er sämtliche Böden gefegt und gewischt, Wäsche gewaschen (und gebügelt!) und die Speisekammer gründlich aufgeräumt. Er konnte Dreck und Unordnung nicht ausstehen, weder in seiner Wohnung noch an sich selber. Wie andere lebten war ihm egal, er aber wollte definitiv nicht zu denen gehören, denen man Unsauberkeit nachsagte.

Mit Vorurteilen hatte er sowieso schon genug zu kämpfen, bei dem Namen vermutlich kein Wunder. In seiner unmittelbaren Umgebung mied man ihn, die Nachbarn grüssten zwar, wenn sie ihn irgendwo trafen, wechselten aber auch gerne die Strassenseite, wenn sie glaubten, er würde es nicht bemerken. Was er natürlich tat, jedesmal. Auch wenn sich seine empfindsame Seele in der Zwischenzeit einen Schutzpanzer zugelegt hatte, schmerzte es ihn immer noch und immer wieder. Dennoch blieb sein rundes, freundliches Gesicht immer  heiter, sein Lächeln nie künstlich. Nur nachts, alleine in seinem Bett, erlaubte er sich mitunter ein paar Tränen und ein paar trübsinnige Gedanken, aber sobald es draussen wieder hell wurde, hellte sich auch seine Miene wieder auf.

Was keiner seiner Nachbarn wusste – und vermutlich auch nie erfahren würde: Herr Bösewicht hatte ein ungewöhnliches Hobby, wohl eher schon eine Berufung. Er sammelte Schatten. Das hört sich jetzt erstmal nicht so schwierig an, ist doch die Welt – sobald die Sonne scheint – voller Schatten, und man könnte denken, dass man sich nur bücken muss, um sie aufzusammeln. Aber im Normalfall bleiben Schatten immer mit ihrem Eigentümer verbunden, wo dieser hingeht folgt ihm sein Schatten wie – nunja, ein Schatten. Es gibt soweit es bekannt ist nur zwei Ausnahmen, bei denen sich die Schatten von ihrem Objekt trennen, wenn es im Falle von Lebewesen stirbt bzw. im Fall von Nichtlebewesen irgendwie aufhört zu existieren. Und: wenn jemand (das gilt also nur für Lebewesen) über seinen Schatten springt.

Herr Bösewicht hatte sich mit seiner Sammlung auf letztes spezialisiert, Schatten von Toten waren eher etwas für gewöhnliche Schattensammler, und Schatten von Nichtlebewesen fand er einfach nur langweilig. Aber zu erkennen, wenn jemand über seinen Schatten springt und genau im richtigen Moment den liegengebliebenen Schatten aufzusammeln (wenn man nämlich zu lange wartet, lösen sich die verwaisten Schatten einfach auf, wie Eis in der Sonne) war im Laufe der Jahre seine Passion geworden. Oft bemerkten die Schattenspringer es selber nicht einmal, dass sie gesprungen waren, oft waren die Sprünge auch so unbedeutsam für die Welt wie der Flügelschlag eines Schmetterlings, aber wir wissen ja, was der anrichten kann.

Jeder neue Fund machte Herrn Bösewicht sehr glücklich, er bückte sich schnell, steckte den Schatten in seine extra dafür angefertigte Schattentasche und ging mit ihm nach Hause.

Fragen: warum lösen sich die Schatten nicht auf, sobald sie eingesammelt sind?

Was für Superkräfte haben sie?