Empor - oder: Bär 1

Das Licht sauste durch die Bäume. Fing oben hell und stark an und verlor sich nach unten immer weiter im Gewirr der Zweige. Dennoch erreichte ein kleiner Sonnenstrahl gerade noch so eben den Eingang zu einer Höhle neben einer alten, knorzigen Eiche.

Der Eingang war gut versteckt, hinter einem wie zufällig aufgehäuften Berglein von alten Blättern des Vorjahres. Nur wenn man ganz genau hinschaute, konnte man sehen, dass es eine Art Tür war, die den Eingang zur Höhle vor allzu neugierigen Augen verbarg. Im Widerspruch dazu hing nebendran ein Namensschild. „Bär“ stand darauf. Das verwirrte jeden Besucher zusätzlich, denn ein Bär, der in einer so kleinen Höhle wohnte… Oder täuschte womöglich der Eingang, und dahinter lauerte ein riesengrosses Bärentier? Dessen eine Zeigekralle ausgereicht hätte, die Tür samt Schild zur Seite zu schieben?

In jedem Fall reduzierte das Schild die Anzahl der potentiellen Besucher auf ganz wenige, ganz besonders mutige.

An diesem schönen Spätsommertag kam so ein ganz besonders mutiges Wesen zum Eingang von „Bär“, klopfte vorsichtig, denn eine Klingel gab es nicht, und rief zur Sicherheit noch „Hallo! Ist jemand zu Hause?“

Das besonders mutige Wesen war auch nur deshalb so mutig, weil es seinen Freunden fest in die Hand versprochen hatte, bei Bär nachzufragen, ob er ihnen womöglich, ganz eventuell helfen würde.

Bär hatte sich gerade zu einem kleinen Nickerchen hingelegt, denn der Vormittag war anstrengend gewesen, hatte er doch sein Revier – und das war nicht gerade klein – nach frischen Beeren abgesucht und -gefunden. Und gegessen hatte er sie auch. Brom-, Him-, Heidel- und sogar ein paar Stachelbeeren hatte er gefunden und gegessen, und die rumpelten und pumpelten jetzt in seinem Magen wie die Wackersteine beim grossen, bösen Wolf von Rotkäppchen.

Also hatte sich Bär zu einem Nickerchen – aber das sagte ich ja schon. Jedenfalls: es klopfte und rief, und Bär überlegte erst, ob er so tun solle, als ob er nicht zu Hause wäre, denn er hatte keine grosse Lust auf Besuch. Die Höhle war nicht gefegt, es lag überall Zeug herum. Und womöglich waren das eh nur wieder die bösen kleinen Mäusekinder von nebenan, die ihn ärgern wollten. Aber neugierig war er ja auch, und da er jetzt bestimmt eh nicht mehr einschlafen konnte vor lauter Grübeln, wer das wohl gewesen sein könnte, stand er seufzend auf und ging zur Tür.