Die Schattensammlung
Zu Herrn Bösewichts Wohnung gehörte auch ein kleiner Schuppen, zu dem nur er den Schlüssel besass. Um genau zu sein war dieser Schuppen damals auch der ausschlaggebende Faktor für ihn gewesen, diese Wohnung überhaupt zu mieten.
Der Schuppen hatte keine Fenster und stand in einem sehr versteckten Teil des Gartens, man musste um das Haus herumgehen, durch ein Tannenwäldchen an einem Misthaufen vorbei, dann kam man dorthin. Die anderen Bewohner des Hauses wussten nicht, was in diesem Schuppen war, vermuteten aber Gartengeräte, denn Herr Bösewicht kümmerte sich auch um den Garten. Der Schuppen enthielt tatsächlich auch die Gartengeräte, allerdings nur in dem kleinen Vorraum. Hinter dem Rasenmäher und der grossen Leiter gab es eine Tür, die in den eigentlichen Raum des Schuppens führte, so dass selbst wer zufällig einen Blick durch die offenen Schuppentür erspäht hätte, nie erkannt hätte, dass es diese Tür überhaupt gab.
Mindestens einmal in der Woche, aber auch bei jedem neuen Schattenfund ging Herr Bösewicht durch den Garten am Misthaufen und den Tannen vorbei durch die Schuppentür, schob den Rasenmäher beiseite und öffnete mit einem Spezialschlüssel die Tür zu seiner Schatzkammer.
Diesmal hatte er grosses Glück gehabt und während seines Spaziergangs gleich zwei Schatten gefunden, die er jetzt in seiner Spezialtasche hierher brachte.
Wem gehörten diese Schatten? Was war die Geschichte des Funds
Werfen Schatten Schatten? Was passiert, wenn sie Licht ausgesetzt werden?
Erst nachdem er die Tür sorgfältig hinter sich geschlossen hatte, um auch dem letzten Strahl Tageslicht auszusperren, schaltete er die Deckenlampe an. Das war eine Speziallampe, denn nur wenn die Schatten Licht mit einer ganz besonderen Wellenlänge ausgesetzt wurden lösten sie sich nicht auf. Vorsichtig öffnete er seine Tasche und begutachtete seine neuen Schätze. Liebevoll holte er erst den einen, dann den anderen heraus und stellte sie nach ein wenig Überlegung und Hin- und Herrücken der anderen Schatten ins Regal.
Dann ging er zu dem kleinen Schreibtisch, der in der Ecke stand und entnahm der Schublade ein dickes Buch, in das er alle seine Funde eintrug. Mit ordentlichen Druckbuchstaben trug er die beiden neuen Funde ein, klappte das Buch wieder zu, packte es in die Schublade und sah sich noch einmal im Raum um, bevor er erst das Licht ausmachte, dann die Tür öffnete und hinter sich wieder sorgfältig verschloss. Für einen längeren Besuch war heute leider keine Zeit, es gab noch zu viel zu tun, denn sein Neffe hatte sich zum Kaffeetrinken angemeldet.
Das kam selten genug vor, und obwohl er nicht viel von seinem Neffen hielt – genausowenig wie von den wenigen verbliebenen übrigen Verwandten, gebot es die Höflichkeit, zur angekündigten Zeit zu Hause zu sein und einen Kaffee parat zu haben. Von Kuchen war ja nicht die Rede gewesen.
Wie heisst der Neffe, und was hat er für finstere Absichten? Erbschleicher? Weiss er von den Schatten? Und deren Wert?