
Die fremde Frau im eigenen Haus
(das war irgendeine Aufgabe in irgendeinem VHS Kurs)
Robert, das Haus und ich gehörten unverrückbar zusammen. Zwar war er offiziell der Eigentümer und ich „nur“ seine Freundin und irgendwann mit eingezogen, dennoch wurde es schnell auch mein Haus. Und natürlich vor allem mein Robert.
Nach der Trennung hatte ich ihn und unser Haus zuerst nur von ferne beobachtet, immer in der Hoffnung, Robert leidend oder zumindest traurig zu sehen, aber wenn das so war, ließ er es sich nicht anmerken. Meine Sehnsucht nach dem „uns“ wurde stärker, und so wagte ich mich eines Nachts während seiner Abwesenheit hinein. Er hatte immer noch keine Katzentür einbauen lassen, weshalb die Kellertür stets angelehnt blieb. Ich wollte nur mal schnell schauen, ob und was von mir noch dort war, einmal kurz seinen Duft schnuppern und mich von der Erinnerung an die guten Zeiten umarmen lassen.
Aus den Jahren, die ich hier gewohnt hatte, wusste ich, dass man das Gartentörchen leicht anheben musste, damit es nicht quietschte. Wusste, welche Stufen der Treppe knarrten und wo die Katze gerne herumlag, die immer fauchte, sobald ich in ihre Nähe kam. Auch damals war ich häufiger im Dunkeln im Haus herumgegangen, wenn ich auf den Schlaf wartete, der sich nicht einstellte oder auf Robert, der oft erst sehr spät nach Hause kam.
Wie bei einem Alkoholiker war es nicht bei diesem einen Schluck bzw. Blick geblieben. Ich kam wieder. Erst nur wenn er nicht zu Hause war, später auch wenn ich wusste, dass er schlief. Hatte im Flur oben seinen Atemzügen und dem leisen Schnarchen gelauscht und unten am Fenster gestanden, in die dunklen Nachbargärten geschaut und seinen Schlaf bewacht, fast wie damals.
Dann war sie in sein Leben getreten. Ich erkannte es an kleinen Veränderungen: ein anderes Rasierwasser im Badezimmerschrank, eine Sektflasche im Kühlschrank, neue Boxershorts in der Wäsche anstelle der ausgeleierten Feinrippunterhosen, dann ein Foto von ihr im Arbeitszimmer. Und eines Nachts hatte ich oben im Flur zwei Menschen in unserem Schlafzimmer atmen gehört.
Von da an wurde es schwieriger und ich vorsichtiger, denn ich musste ihre Gewohnheiten erst erkunden, bevor ich es wieder wagte, meine nächtlichen Streifzüge aufzunehmen. Beobachtete sie beide und das Haus von ferne und wartete geduldig.
Heute riskierte ich es. Wie einen Heimkehrer nach langen Abwesenheit hieß mich das Haus willkommen. Gleich wurde mein Atem ruhiger, mein Herzschlag etwas weniger heftig, fühlte ich mich endlich wieder als Einheit mit Robert und dem Haus, auch wenn zwischenzeitlich zur Katze noch ein weiterer Störenfried hinzugekommen war.
Im Keller sah ich, dass sie mein Heim bereits in Besitz genommen hatte. Im Vorratsraum hatte ein gut gefülltes Weinregal Einzug gehalten, im Hobbykeller stand ein neuer Schrank, der ihre Schuhe enthielt, auf der früher nackten Kellertreppe lagen jetzt Teppichfliesen. Entsetzt schlich ich in die Küche und öffnete den ebenfalls neuen Riesenkühlschrank. Trank erstmal einen großen Schluck Milch aus der angebrochenen Flasche, um mich zu beruhigen und den üblen Geschmack des Hasses aus meinem Mund zu vertreiben. Sah die Köstlichkeiten aus einem Feinkostgeschäft, die die Discounterware abgelöst hatten, und spürte Zorn meine Kehle heraufkriechen wie einen ekelhaften Käfer, den man lebendig verschluckt hatte. Nahm spontan ein paar Lebensmittel und eine Flasche Sekt an mich. Sollte er doch diesmal sehen, dass ich dagewesen war. Vielleicht brachte ihn ja das zur Vernunft.
Weiter hinauf in den ersten Stock ging ich heute lieber nicht, das Rauschen in meinen Ohren war zu laut, es hätte mich verraten. Am Treppenabsatz standen zwei Paar Sneaker einträchtig nebeneinander, eines in Größe 45, das andere wesentlich kleiner. Einem Impuls folgend nahm ich das kleine Paar mit, es gehörte hier nicht hin. Packte unten im Keller alle mitgenommenen Gegenstände achtlos in eine herumliegende Tasche und schlich zurück in den Garten. Die Rosen dufteten, als versuchten sie, mich zu trösten, wenigstens die hatte sie noch nicht ersetzt. Aber sie gehörten mir, wie im Grunde alles hier.
Wenige Minuten später hatte ich die blühenden Zweige abgeschnitten und vorsichtig in Papier gepackt.