
Die Chorprobe - oder wer im Glashaus singt ...
„Wer im Glashaus singt, sollte nicht mit hohen Tönen werfen“ sagte mein Nachbar noch beim Mittagessen.
Zwei Stunden später im Glashaus.
Töne, die im Licht der Nachmittagssonne schimmern, Töne wie Regentropfen, die an einer Dachrinne sanft herabgleiten. Aber diese Töne fallen nicht nur, sie steigen auch wieder an, treffen sich, teilen sich erneut, fließen durch den Raum und lassen es für einen Moment ganz still werden.
Töne, erst nur vom Klavier, während die Sänger ebenfalls hereintröpfeln, sich leise setzen, meist nur flüsternd unterhalten.
Ein Kreis aus Stühlen, jetzt mit Sängern besetzt, einzelne Gesichter kenne ich bereits von den Mahlzeiten und den Wegen über den Hof.
Ein Kanon, die Melodie eigentlich einfach, trotzdem fremdartig klingend, aus älterer Zeit als ich es gewohnt bin. Gut, dass ich mich am Notenblatt festhalten kann. Jede einzelne Passage wird wiederholt, korrigiert, eigentlich kann ich es längst auswendig, uneigentlich doch nicht.
Den Rhythmus finden und halten, mein Atem ist eher zu Ende als die Phrase, früher ging das auch mal besser. Schnappatmung ist der Stimme nicht wirklich förderlich, aus dem letzten Loch pfeifen aber auch nicht. Sich allmählich einfinden im Klang der Gruppe, einstimmig schon nicht leicht, hoffentlich quietsche ich nicht zu doll bei den höheren Tönen.
Dann beginnt die erste echte Schwierigkeit: der Kanon wird jetzt wirklich ein Kanon, erst nur in zwei Gruppen gesungen, später in vier, sogar sechs. Zur richtigen Zeit auf dem richtigen Ton ankommen und dabei das Atmen nicht vergessen, wie im echten Leben.
Die Bindebögen stehen nicht nur da, damit sich die Noten auf dem Blatt nicht so einsam fühlen, man sollte sie auch beherzigen und entsprechend singen.
Üben, üben, und nochmal üben, um im entscheidenden Moment alles zu vergessen und loszulassen. Das Notenblatt loszulassen wäre ja schon einmal ein Anfang.
Die Sonne ist hinter den Bäumen verschwunden, jetzt die Praetorius Version, so vertraut, dass einmal auf die Noten gucken beinahe ausreicht. Nur die Textverteilung ist im Alt an einer Stelle etwas verzwickt, kriege ich aber auch einigermaßen hin. Wann und wo habe ich dieses Lied eigentlich zum ersten Mal gesungen?
Einmal alle Stimmen durchproben, dann geht es gleich vierstimmig los, klappt auf Anhieb ganz gut. Wir rücken enger zusammen, jeder soll die Stimmen der anderen gut hören können.
Das Bild vom Kind, das sich die Ohren zuhält, um sich in der Mehrstimmigkeit nicht zu verlieren, hier das genaue Gegenteil.
Sind sie zu leise, bist du zu laut. Und hörst du nur die anderen, nicht aber dich selbst, bist du zu leise. Auch wie im richtigen Leben.
„Wenn du nicht gut genug bist, dann warst du nicht nah genug dran“ – aber halt, das ist doch ein ganz anderes Thema? Alles hängt mit allem zusammen, Hinhören oder Hinschauen oder Hinspüren.
Zum Abschluss noch einmal der Kanon, diesmal wirklich auswendig, und auf einmal ist es viel leichter, selbstverständlicher, und das sogar – fast hätten wir es nicht bemerkt – ganz ohne Notenblatt.
Die Töne treffen sich im Mittelpunkt des Kreises, steigen von dort auf und verteilen sich im Raum. Physikalisch bestimmt Quatsch, aber um Physik geht es hier ja auch nur bedingt.
Wenn der letzte Ton verklungen ist in der Stille dem Echo lauschen. Und sich am Zauber der Musik freuen.